home mail print index imprint

02. Oktober 2007

Homo Politicus- IUF Kommentar 21/07

Roland Gast

Der Legende nach warf Konrad Adenauer, seines Zeichens damals Oberbürgermeister der Stadt Köln, 1933 den Schlüssel der Stadt Köln in den Rhein, damit ihn nicht die Nazis bekamen. Genau wie er saß auch Kurt Schumacher im KZ. Beide Männer stritten im Nachkriegsdeutschland aus voller Überzeugung für Ideale, die sie für eine bessere Welt für unabdingbar hielten. Damit waren sie in ihrer und der darauf folgenden Zeit nicht allein. Wenn sich Herbert Wehner und Franz Joseph Strauß ihre Rededuelle lieferten, dann brannte die Luft. Heute drängt sich der Eindruck auf, der politische Diskurs sei ärmer. Nicht, weil die heute dort Tätigen weder Not noch Krieg kennen - an Frieden und Wohlstand stößt sich niemand, der recht bei Trost ist. Es wirkt vielmehr so, als fehlten die glaubhaften Visionäre.  

 

Es gibt hierzulande eine Kultur in den Parteiapparaten, die darauf abzielt, eigenes Denken im Keim zu ersticken. Man funktioniert durch Anträge, Allianzen, Abstimmungsverhalten - und natürlich in Posten und Pöstchen. Überspitzt ausgedrückt: was gibt es heute für den jungen, ehrgeizigen Aufsteiger in der Partei schöneres, als bei einem Machtwechsel bedacht zu werden? Auf ewig und mit Ehrfurcht möge des Wahlsiegers und der schmucken neuen Titel seines Gefolges gedacht werden!  

 

Aber zurück zum Ernst der Sache. Wer sich heute wirklich für eine Karriere in der Politik interessiert, braucht langen Atem und ständige Präsenz. Früh müssen Leute kennen gelernt und der eigene Name ins Gespräch gebracht werden. Ab einem bestimmten Niveau ist von einem Ortswechsel oder längerem Auslandsaufenthalt dringend abzuraten. Und ohne einen Mentor weiter oben funktioniert wenig. Persönliche Loyalität kann durch nichts ersetzt werden. Irgendwann rentiert es sich natürlich. Nicht nur wegen direkt mit Aufgaben und Mandaten verknüpften Bezügen, sondern auch wegen späterer Berufschancen, zum Beispiel als Berater.  

 

Nicht, dass Politiker dumm seien! Nur kommt es eben nicht nur auf Kompetenz an. Erst recht nicht im Zweifel. Seiteneinsteiger sind eine Seltenheit, ob unerfahren oder kompetent.  

 

Ist es für ein Land von Vorteil, wenn die, die es lenken sollen, so auf ihre Aufgabe vorbereitet werden? Die Renten- und Sozialpolitik der vergangenen 30 Jahre bestand hierzulande darin, kommende Generationen zugunsten des Wahlerfolgs am Ende des eigenen Mandats auszubeuten. Warum wagte es kein nennenswerter Politiker, mehr zu tun, als den Leuten das zu erzählen, was sie hören wollten? Auf welchem anderen Gebiet übernationaler Bedeutung werden Führungskräfte praktisch ohne Berücksichtigung der Auslandserfahrung ausgewählt? Und Volksvertreter sollen sich in der weiten Welt besser auskennen als die Führungskräfte aller anderen Gebiete zusammen?  

 

Wobei nichts im Leben nur Nachteile hat. Das System kennt sich wohl bestens in den bereits bestehenden Verhältnissen aus. Verschiedenste Gruppen kann es berücksichtigen, jedem einen Teil des Kuchen zukommen lassen. Und immerhin, Europa und Deutschland befinden sich seit einer Rekordzeit von 62 Jahren in Frieden. Hierzulande wird vergleichsweise kaum gestreikt. Es dürfte schwer sein, Organisationen zu finden, die das Land besser kennen.  

 

Aber das reicht leider nicht zu mehr als einer alles erfassenden Mittelmäßigkeit. Es zählt nicht das Individuelle, das Neue, noch nicht einmal produktiver und freier Austausch von Ideen. Anstatt sich Fällen der eigenen Inkompetenz zu stellen, wird, was sich als besser erweist, aber nicht aus dem eigenen Stall kommt, als faktisch unmachbar abgewiesen. „Das geht hier nicht, Deutschland ist ein Ingenieursland.", hört man oft. Was soll denn das heißen? Das zwei und zwei hier nur dann vier sind, wenn wir Brücken bauen?  

Das System ist so vor allem zu einem unfähig: radikalem Neudenken. Nur bestehendes zu verwalten, wenn es allen gut geht, ist ja keine Kunst. Es ist in der Politik wohl genau wie am Markt: erst in der Krise, also wenn nichts mehr so ist, wie es mal war, erkennt man das gute Unternehmen. Und genau wie am Markt gilt auch für die deutsche Gesellschaft: auf Dauer garantieren nur Wandel und Flexibilität, Mut zu Neuem und Veränderungswille ihren Reichtum und ihre Freiheiten.  

SPONSORING
NEWSLETTER

Ja, ich möchte aktuelle Meldungen vom Institut für Unternehmerische Freiheit:

ZITATE

Friedrich August von Hayek (1899-1992)

"Once politics become a tug-of-war for shares in the income pie, decent government is impossible."

Stipendien für begabte Leute
iuf top